Eine kleine Gemeinde an der Mittelmosel
Erste jüdische Belege für Bernkastel reichen bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts zurück, sind aber zunächst sporadisch. Eine durchgehende Gemeinde lässt sich erst seit dem zweiten Drittel des 17. Jahrhunderts nachweisen; das Bernkasteler Schöffenbuch belegt ab 1694 einen Rabbiner (Kasper-Holtkotte, Juden im Aufbruch, S. 84, Fn. 61; F. Schmitt, Bernkastel, 1980, S. 470). Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs die Zahl auf bis zu 35 Personen; um 1900 lebten die Juden in Bernkastel-Kues vor allem vom Einzelhandel.
Einen namentlichen Beleg aus der frühen Neuzeit überliefert das Schöffenbuch zu Bernkastel: Für die Jahre 1632 und 1633 ist dort ein Judelin, Jude zu Bernkastel, verzeichnet — der älteste in dieser Quelle namentlich greifbare Jude des Ortes. Im selben Zeitraum nennt das Schöffenbuch auch jüdische Parteien aus Koblenz (Baruch, Simon), Wittlich (Salomon) und Cochem (Jakob), was das überregionale Beziehungsgeflecht jüdischer Familien an der Mosel im 17. Jahrhundert spiegelt (Braun [Bearb.], Schöffenbuch zu Bernkastel 1526–1682, sub voce NN).
Bernkastel im späten 18. Jahrhundert: Führungsrolle in der kurtrierischen Judenschaft
Im späten 18. Jahrhundert nahmen Bernkasteler Juden eine führende Rolle in der gesamten kurtrierischen Judenschaft des Obererzstifts ein. Die Familien Nathan Bernkastel (Jakob, Mayer) und Schweich stellten mehrfach Deputierte und Einnehmer: Jakob Nathan Bernkastel und Hayum Schweich vertraten die obererzstiftische Judenschaft am Judenlandtag in Neumagen 1787 und blieben unter der französischen Herrschaft zentrale Wortführer; Michel Daniel von Bernkastel war Kesselstattscher Schutzjude. 1806 lebten in der Mairie Bernkastel 159 Juden (4,7 % der Gesamtbevölkerung; 15,1 % der gesamten Judenschaft des Saardepartements); mit 62 erwachsenen jüdischen Männern zählte Bernkastel 1808 zu den „judenreichsten“ Mairien des Arrondissements Trier (Kasper-Holtkotte, Juden im Aufbruch, S. 145 ff., 234).
Säkularisation 1803–1813: jüdische Negociants und Vermittler
Während der französischen Phase nutzten einzelne jüdische Kaufleute aus Trier die Versteigerungen der Mosel-Klostergüter. Besonders aktiv tritt im Versteigerungsregister des Saar-Departements Matthias Josef Hayn (Trier, Negociant) auf — als Käufer eines Pfalzeler Kelterhauses in Wehlen am 24. Juni 1803 (lfd. Nr. 5406, 3.600 Fr.) und mehrfach als Vermittler bei Lieser, Graach und Bernkastel. Bei Noviand erscheint Alexander Cahen aus Sarreguemines. Die Auswertung deckt sich mit den Trierer Befunden Kasper-Holtkottes (Tab. 42–43): jüdische Akteure sind in den Bernkasteler Versteigerungen präsent, aber selten als Hauptkäufer; häufiger als Vermittler und Kreditgeber im Hintergrund christlicher Konsortien (Schieder/Koltes, Säkularisation, Saar-Departement, Kanton Bernkastel, lfd. Nr. 5318–5319, 5352, 5406).
Synagoge und Friedhof
Die Synagoge der Gemeinde befand sich in der Burgstraße 7. Der jüdische Friedhof in Bernkastel wurde 1866 angelegt und von 1867 bis 1932 belegt; rund 33 Grabsteine aus dem 19. und 20. Jahrhundert sind erhalten.
Die NS-Zeit
Zu Beginn der NS-Herrschaft lebten rund 60 jüdische Einwohner in Bernkastel-Kues. Aufgrund der antisemitischen Verfolgung und Ausgrenzung aus dem Wirtschaftsleben emigrierten die meisten bis 1938. Andere wurden deportiert und ermordet. Die Synagoge wurde zerstört; seither gibt es in Bernkastel-Kues keine jüdische Gemeinde mehr.
Erinnerung heute
Zum 70. Jahrestag der Pogromnacht wurden 2008 in Bernkastel-Kues siebzehn Stolpersteine vor vier Häusern verlegt — in Erinnerung an die Opfer der Schoah. Der jüdische Friedhof an der heutigen Bernkasteler Friedhofstraße ist ein offener Erinnerungsort.