Eine Sprache aus dem Rheinland

Das Jiddische ist keine im Osten entstandene Sprache, sondern im Westen. Seine Wurzeln liegen im Rheinland des Hochmittelalters — in den jüdischen Gemeinden von Mainz, Worms und Speyer, den sogenannten SchUM-Städten, und in ihrer Ausstrahlung in die kleineren Gemeinden an Rhein, Mosel und Main. Aus dem Mittelhochdeutschen, das die jüdischen Bewohner mit ihren christlichen Nachbarn teilten, entwickelte sich eine eigene Varietät: ergänzt um einen festen Bestand hebräisch-aramäischer Wörter aus dem religiösen Leben und um romanische Elemente, die jüdische Familien aus dem mediterranen Raum mitgebracht hatten. Mit den ostwärts ziehenden Gemeinden gelangte diese Sprache nach Böhmen, Polen und in die Ukraine, wo sie sich zum Ostjiddischen mit starkem slawischem Einfluss weiterentwickelte. Im Westen — in Deutschland, Elsass, der Schweiz und den Niederlanden — blieb das Westjiddische, dessen Wortschatz dem heutigen Deutschen näher steht als das in Osteuropa fortlebende Jiddisch.

Westjiddisch an der Mosel

An der Mosel war Westjiddisch über Jahrhunderte die Alltagssprache der jüdischen Gemeinden — in Trier, in den Landgemeinden des Hunsrücks, der Vordereifel, in Wittlich, Bernkastel, Beilstein, Cochem, Zell und Koblenz. Gesprochen wurde es im Familienkreis, in der Synagoge (neben dem liturgischen Hebräisch) und im Handelsverkehr unter Juden; im Verkehr mit der christlichen Umgebung sprach man Moselfränkisch oder Hochdeutsch. Die Sprache war keine „Gauner-“ oder „Geheimsprache“, sondern eine vollwertige, schriftfähige Sprache mit eigener religiöser Literatur, Bibelübersetzungen und Volksbüchern.

Mit der bürgerlichen Emanzipation im 19. Jahrhundert verschwand das Westjiddische rasch. Die preußischen Behörden machten Hochdeutsch zur Schul- und Verkehrssprache; die jüdische Reformbewegung selbst sah im Jiddischen einen Hemmschuh der Integration. Bis um 1900 war es als Alltagssprache an der Mosel nahezu erloschen — erhalten in einzelnen Wendungen, im religiösen Gebrauch und in jenen Berufsmilieus, die ihren Wortschatz konservierten: vor allem im Viehhandel.

Die Verwandtschaft mit dem Moselfränkischen

Die Verwandtschaft zwischen Westjiddisch und Moselfränkisch ist keine Spekulation, sondern ergibt sich aus der gemeinsamen Herkunft: beide Sprachformen wurzeln im Mittelhochdeutschen, beide haben die zweite (hochdeutsche) Lautverschiebung nur teilweise vollzogen. Charakteristisch ist der Erhalt des anlautenden /p/ dort, wo das Standarddeutsche /pf/ kennt:

Auch bei den Diphthongen, bei der Behandlung des /t/ und in der Wortbildung gibt es Parallelen. Wer Moselfränkisch spricht, versteht westjiddische Texte oft leichter als Standarddeutsch-Sprecher — und umgekehrt. Diese Nähe ist kein Zufall: Westjiddisch war über Generationen die Sprache von Menschen, die im gleichen Sprachraum aufwuchsen wie ihre christlichen Nachbarn, und sie haben mit diesen denselben Klangboden geteilt.

Die Sprache des Viehhandels

Eine wirtschaftliche Nische hat das Westjiddische an der Mosel länger konserviert als die religiöse: der jüdische Vieh- und Pferdehandel. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein lag der Viehhandel zwischen Eifel, Hunsrück und Mosel überwiegend in jüdischen Händen. Auf den Märkten von Wittlich, Bernkastel und Trier, in den Ställen der Bauern, beim Abschluss eines Geschäfts mit Handschlag — überall war ein Berufsjargon im Gebrauch, der hebräisch-jiddische Begriffe für Zahlen, Tiere, Eigenschaften und Geld kannte. Christliche Viehhändler übernahmen diesen Jargon, und so wanderten Wörter wie Beis (zwei), Daled (vier) oder Schock (für eine bestimmte Geldsumme) in den Sprachgebrauch über. Eine ähnliche Sondersprache — das „Lachoudisch“ (von hebr. loschen ha-kodesch, „heilige Sprache“) — ist aus dem fränkischen Schopfloch bekannt; an der Mosel und im Hunsrück existierten verwandte, weniger dichte Varianten, die in der mundartlichen Überlieferung Spuren hinterlassen haben.

Jiddische Lehnwörter im heutigen Deutschen und Moselfränkischen

Selbst wer nie einen jiddischen Satz gehört hat, gebraucht im Alltag täglich Wörter, die aus dem Jiddischen ins Deutsche gewandert sind — in vielen Fällen über die Vieh- und Pferdehändlersprache der ländlichen Räume. Hier eine kleine Auswahl:

An der Mosel und im Hunsrück sind viele dieser Wörter bis heute selbstverständlicher Bestandteil der Alltagssprache. Sie sind das stille sprachliche Erbe von Jahrhunderten jüdischen Lebens in der Region — oft unbemerkt verwendet von Menschen, die ihren Ursprung nicht mehr kennen.

„Mauscheln“ — ein belastetes Wort

Nicht alle Spuren des Westjiddischen im Deutschen sind unverdächtig. Das Verb mauscheln — abgeleitet vom jüdischen Vornamen Mosche (Moses) — bezeichnete ursprünglich abwertend „wie ein Jude reden“, also Westjiddisch sprechen, und wurde in der antisemitischen Publizistik des 19. und 20. Jahrhunderts zum Stigma einer ganzen Sprachgemeinschaft. Heute hat sich die Bedeutung verflacht zu „hinter dem Rücken anderer Absprachen treffen“; der antijüdische Ursprung ist vielen Sprechern nicht mehr bewusst. Ein historisches Bewusstsein für die Herkunft solcher Wörter gehört zu einem verantwortlichen Umgang mit Sprache.

Erinnerung und Forschung

Die Erforschung des Westjiddischen im Mosel-Eifel-Hunsrück-Raum ist ein lebendiger, aber kleiner Wissenschaftszweig. Im Emil-Frank-Institut in Wittlich finden regelmäßig Sprachkurse, Tagungen und Lesungen statt; die wissenschaftliche Bibliothek (über 11.000 Medieneinheiten in Kooperation mit der Stadtbibliothek Wittlich) versammelt die wichtigsten Werke. Das Arye-Maimon-Institut für Geschichte der Juden an der Universität Trier dokumentiert die jüdische Geschichte der Region einschließlich ihrer Sprachzeugnisse. Wer sich vertieft mit westjiddischen Texten beschäftigen möchte, findet in den Werken von Florence Guggenheim-Grünberg, Werner Weinberg, Hans-Peter Althaus und Erika Timm fundierte Einführungen — siehe auch die Literaturhinweise dieser Seite.

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