Wer war Rashi?
Schlomo ben Jizchak — nach seinem Akronym RaSchI genannt — gilt als der bedeutendste jüdische Gelehrte des europäischen Mittelalters. Um 1040 in Troyes in der Champagne geboren, schrieb er fortlaufende Kommentare zu fast dem gesamten hebräischen Bibeltext und zum babylonischen Talmud. Seine Erklärungen sind so klar, knapp und treffsicher, dass sie bis heute den Zugang zu beiden Texten prägen: In nahezu jeder traditionellen Talmudausgabe steht Rashis Kommentar am inneren Rand der Seite, gedruckt in einer eigenen halbkursiven Letternform, die deshalb „Rashi-Schrift“ heißt. Wer heute Talmud lernt, lernt mit Rashi.
Rashi war kein Mann der Mosel — er hat dort nachweislich nie gelebt. Aber seine geistige Heimat war jener Kulturraum, in dem auch die jüdischen Gemeinden zwischen Trier und Koblenz wurzelten: das mittelalterliche Aschkenas, dessen Herzstück die jüdischen Gelehrtenschulen am Rhein bildeten. Ohne diese rheinische Welt ist die jüdische Geschichte der Mosel nicht zu verstehen — und Rashi ist ihre überragende Gestalt.
Die rheinischen Talmudschulen — SchUM und Aschkenas
Im 11. Jahrhundert war das Rheinland das geistige Zentrum des aschkenasischen Judentums. In den drei Gemeinden Speyer, Worms und Mainz — nach ihren hebräischen Anfangsbuchstaben SchUM genannt (Schpira, U für Warmaisa, Magenza) — entstanden Talmudschulen von europaweitem Rang. Hierher kamen Studierende aus vielen Ländern, um bei Gelehrten wie Rabbenu Gerschom ben Juda, dem „Licht des Exils“, und seinen Schülern zu lernen. Die religiösen Rechtssatzungen, welche die SchUM-Gemeinden später erließen (die Takkanot SchUM), galten für das gesamte aschkenasische Judentum. 2021 wurden die SchUM-Stätten als erstes jüdisches Welterbe in Deutschland in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen.
Auch der junge Rashi zog in dieses Rheinland. Er studierte in Worms bei Jaakow ben Jakar und Isaak ben Eleasar ha-Levi und in Mainz bei Isaak ben Juda — allesamt Schüler oder geistige Erben Rabbenu Gerschoms. Erst um 1070 kehrte er nach Troyes zurück und gründete dort eine eigene Schule. Was er am Rhein und in der Lehre dieser Meister aufnahm, gab er in seinen Kommentaren an die Nachwelt weiter. Über Rashi und seine Enkel, die Tossafisten, strahlte die rheinische Gelehrsamkeit in den gesamten aschkenasischen Raum aus — bis in die kleinen Landgemeinden an Mosel, Eifel und Hunsrück.
Rashi der Winzer
Rashi war kein bezahlter Rabbiner — das Lehren der Tora gegen Entgelt galt als unstatthaft. Seinen Lebensunterhalt verdiente er, wie viele Gelehrte seiner Zeit, mit eigener Hände Arbeit: Er besaß Weinberge in der Champagne, baute Trauben an, kelterte und verkaufte Wein. Diese Verbindung von Gelehrsamkeit und Weinbau ist mehr als eine biographische Fußnote. Sie schlägt sich in seinem Werk nieder: Rashis Kommentare sind voller genauer Kenntnis von Rebe, Lese, Presse, Gärung und Fass — Sachwissen eines Mannes, der den Weinberg aus eigener Anschauung kannte.
Wo das hebräische oder talmudische Wort einer Erklärung bedurfte, griff Rashi zu seiner Alltagssprache, dem Altfranzösischen, und notierte sogenannte la‘asim — volkssprachliche Glossen in hebräischen Buchstaben. Viele davon betreffen Gerätschaften und Vorgänge des Weinbaus. Damit ist Rashis Werk zugleich eine der frühesten Quellen für die mittelalterliche Weinbauterminologie überhaupt. Dass ausgerechnet der große Erklärer der jüdischen Tradition vom Wein lebte, verbindet ihn auf eigentümliche Weise mit der Mosel, wo Juden über Jahrhunderte ebenfalls vom Wein lebten — siehe die Seite Wein.
Die Mosel im aschkenasischen Kulturraum
Trier ist die älteste jüdische Gemeinde des deutschen Südwestens; jüdisches Leben ist hier seit dem hohen Mittelalter bezeugt. Wie die übrigen Gemeinden an Rhein und Mosel lebte auch Trier nach den religiösen Maßstäben, welche die rheinischen Schulen gesetzt hatten: nach den Satzungen Rabbenu Gerschoms, nach der Auslegung des Talmud, wie Rashi und die Tossafisten sie geprägt hatten, nach dem aschkenasischen Ritus. Die Mosel war kein eigener geistiger Kosmos, sondern Teil dieser einen religiösen Landschaft, deren Zentrum am Rhein lag.
So gehört Rashi auf eine Webseite über die jüdische Mosel nicht, weil er hier gewirkt hätte, sondern weil er die geistige Welt verkörpert, aus der die Moselgemeinden lebten. Wenn ein Vorsänger in Wittlich oder Bernkastel den Wochenabschnitt der Tora vortrug, ein Schüler in Trier den Talmud studierte, eine Familie das Pessachfest beging — dann taten sie es im Rahmen jener Tradition, die ihre klassische Gestalt durch Rashi gefunden hatte. Sein Kommentar war über Jahrhunderte das Lehrbuch, mit dem jüdische Kinder im ganzen aschkenasischen Raum, auch an der Mosel, das Lesen der Heiligen Schrift erlernten.
Nachwirkung
Rashis Einfluss reicht weit über das Judentum hinaus. Der christliche Gelehrte Nikolaus von Lyra (14. Jahrhundert) stützte sich auf Rashis Bibelauslegung; über Lyra wirkte sie auf Martin Luther und dessen Bibelübersetzung. So hat ein jüdischer Weinbauer aus Troyes, geschult an den Talmudschulen des Rheinlands, mittelbar auch das deutsche Bibeldeutsch mitgeprägt. In der jüdischen Welt aber ist seine Stellung unbestritten: Bis heute beginnt das Talmudstudium mit Rashi, und kein Kommentar ist häufiger gedruckt worden als der seine.