Wein im Judentum — mehr als ein Getränk

Im Judentum ist Wein kein beliebiges Getränk, sondern ein Mittel der Heiligung. Über einem Becher Wein wird der Schabbat eingeleitet und beschlossen (Kiddusch und Hawdala); Wein gehört zur Hochzeit, zur Beschneidung und zu den vier Bechern des Pessach-Seders. Diese rituelle Zentralität erklärt, warum der Umgang mit Wein im jüdischen Religionsgesetz, der Halacha, so genau geregelt ist — und warum Juden im Weinland Mosel eine besondere Beziehung zu diesem Erzeugnis hatten, lange bevor der Weinhandel zu einem ihrer wichtigsten Erwerbszweige wurde. Schon der große mittelalterliche Gelehrte Rashi lebte vom Weinbau; sein Werk zeugt von genauer Kenntnis der Rebe und des Kellers.

Koscherer Wein und die Halacha

Damit Wein als koscher gilt, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein. Erstens müssen alle Zutaten und Hilfsstoffe koscher sein — das betrifft etwa die Schönung des Weins. Zweitens, und hierin unterscheidet sich Wein von fast allen anderen Lebensmitteln, darf koscherer Wein vom Beginn der Kelterung an ausschließlich von schabbat­treuen Juden gehandhabt werden. Diese Vorschrift wurzelt in der antiken Sorge vor Jajin Nesech — Wein, der dem Götzendienst gedient haben könnte. Aus ihr leitete sich das umfassendere Verbot des Stam Jajin ab: des Weins, der von Nichtjuden auch nur berührt oder bewegt wurde. Erst durch Erhitzung (Jajin Mewuschal) verliert der Wein diese Empfindlichkeit und darf danach von jedermann ausgeschenkt werden.

Für die Praxis an der Mosel bedeutete das: Wer streng nach den Speisegesetzen lebte, konnte den gewöhnlichen Moselwein der christlichen Winzer nicht als rituellen Wein verwenden. Eigener, unter Aufsicht erzeugter Wein war daher in den Gemeinden gefragt. Zugleich aber war der Handel mit nichtkoscherem Wein halachisch unproblematisch — ein Jude durfte Wein kaufen, lagern und verkaufen, sofern er ihn nicht zum eigenen rituellen Gebrauch bestimmte. Genau diese Unterscheidung machte den Weinhandel zu einem Feld, auf dem Juden an der Mosel über Generationen tätig sein konnten.

Jüdische Weinhändler an der Mosel

Vom späten 18. Jahrhundert an, verstärkt nach der bürgerlichen Gleichstellung im 19. Jahrhundert, fanden jüdische Familien an der Mosel im Wein- und Kommissionshandel ein Auskommen. Der Beruf passte zu ihrer wirtschaftlichen Lage: Er verlangte kein Land — das Juden lange verwehrt war —, sondern Kapital, Marktkenntnis, Sprachen und ein Netz von Geschäftsbeziehungen. Jüdische Händler vermittelten zwischen dem kleinteilig wirtschaftenden Winzer und dem überregionalen Markt: Sie kauften den Wein der Bauern auf, finanzierten Fässer und Lese im Voraus, übernahmen das Risiko der Lagerung und brachten den Moselwein auf die Auktionen und in die Städte. Manche der traditionsreichen Weingüter an Mosel, Saar und Ruwer arbeiteten über Generationen mit denselben jüdischen Handelspartnern zusammen.

Wie groß war der jüdische Anteil wirklich?

Über das Gewicht jüdischer Händler im Moselweinhandel kursieren sehr unterschiedliche Angaben. Verbreitet ist die Aussage, der Weinhandel an der Mosel sei bis 1939 zu siebzig Prozent oder mehr von jüdischen Kaufleuten bestimmt gewesen. Solche Zahlen sind mit Vorsicht zu lesen. Es lag im Interesse der nationalsozialistischen Propaganda, den jüdischen Anteil am Weinhandel möglichst groß erscheinen zu lassen, um die Verdrängung jüdischer Kaufleute zu rechtfertigen; entsprechende Angaben aus der Zeit nach 1933 sind daher tendenziös. Umgekehrt hat die kritische Weingeschichtsforschung darauf hingewiesen, dass sich in den rund 180 Winzerorten an Mosel, Saar und Ruwer nur eine überschaubare Zahl namentlich fassbarer jüdischer Weinhändler nachweisen lässt.

Beide Befunde widersprechen sich nur scheinbar. Jüdische Händler waren nicht gleichmäßig über die Dörfer verteilt, sondern konzentrierten sich auf die Handelszentren — Trier vor allem, daneben Bernkastel, Wittlich und die großen Versteigerungsplätze. Dort, im Großhandel und im Export, war ihr Gewicht beträchtlich, auch wenn ihre absolute Zahl gering blieb. Eine seriöse Darstellung vermeidet daher beide Zerrbilder: weder die propagandistische Übertreibung einer angeblichen jüdischen Beherrschung des Weinhandels, noch die Verharmlosung, die jüdische Kaufleute aus der Wirtschaftsgeschichte der Mosel herausschriebe. Richtig ist: An den entscheidenden Schaltstellen des Moselweinhandels waren jüdische Häuser über Jahrzehnte prägend.

Das Handelshaus Loeb

Für diese Welt steht ein Name wie kein zweiter: Loeb. Das Trierer Handelshaus, das mit Sigmund Loeb und seinem Sohn Otto Wolfgang Loeb verbunden ist, gehörte zu den bedeutendsten Adressen des Moselweinhandels. Otto Loeb promovierte 1922 über die Entwicklung des Weinhandels an der Mosel und verband so kaufmännische Praxis mit wissenschaftlicher Durchdringung des Gegenstands. Nach 1933 entzog sich die Familie der Verfolgung durch die Emigration nach England, wo Otto Loeb das Haus O. W. Loeb & Co. in London neu begründete. 1972 setzte er der Region mit dem gemeinsam mit Terence Prittie verfassten Buch Moselle ein bleibendes Denkmal — nach dem Urteil des Weinpublizisten Daniel Deckers das leidenschaftlichste und informativste Werk, das ein deutscher Jude dem Moselwein gewidmet hat. Die Geschichte der Familie Loeb ist auf dieser Webseite ausführlich dargestellt.

Verfolgung und „Arisierung“

Mit der nationalsozialistischen Herrschaft brach die jüdische Beteiligung am Moselweinhandel binnen weniger Jahre zusammen. Schon der Boykott vom April 1933 traf jüdische Händler; es folgten Ausschluss aus Berufsverbänden, Entzug von Lizenzen und schließlich die erzwungene Übertragung der Betriebe an nichtjüdische Eigentümer — beschönigend „Arisierung“ genannt, in Wahrheit Enteignung unter Zwang und weit unter Wert. Bis 1938 war der jüdische Weinhandel an der Mosel ausgelöscht. Wer konnte, emigrierte; wer blieb, wurde später deportiert und ermordet. Der Zusammenbruch traf nicht nur die jüdischen Familien, sondern erschütterte die Vermarktung des Moselweins insgesamt, weil mit den Händlern Kapital, Marktzugänge und Auslandsbeziehungen verloren gingen.

Spuren heute

Von dieser Geschichte ist im Landschaftsbild der Mosel wenig sichtbar geblieben — ein Firmenname im Handelsregister, ein Grabstein auf einem jüdischen Friedhof, ein Eintrag in einem Gedenkbuch. In jüngerer Zeit knüpfen einzelne Moselwinzer wieder bewusst an die jüdische Weintradition an und erzeugen, teils in Kooperation mit jüdischen Gemeinden, koscheren Riesling von Mosel und Saar. Solche Projekte sind kein Ersatz für das Verlorene, aber sie halten die Erinnerung daran wach, dass jüdisches Leben und Moselwein über Jahrhunderte zusammengehörten. Wer den Spuren weiter nachgehen will, findet auf den Seiten zu Otto Loeb, zur Geschichte und in den Literaturhinweisen weiterführendes Material.

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