Eine bedeutende Landgemeinde

Wittlich war im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine der bedeutendsten jüdischen Gemeinden zwischen Trier und Koblenz. Anfang der 1930er-Jahre lebten rund 270 Juden in der Stadt — ein hoher Anteil für eine Kleinstadt der Region. Die Gemeinde war in eigenen Organisationen aktiv, aber auch in den bürgerlichen Vereinen vielfach integriert.

Tiefe Verwurzelung seit dem 17. Jahrhundert

Die Gemeinde reicht weit über das 19. Jahrhundert hinaus. Bereits 1663 zahlten in Stadt und Amt Wittlich 14 Juden in Wittlich, Ürzig, Lieser und Wintrich gemeinsam Schutzgeld; 1773 waren in der Stadt Wittlich vier Schutzjuden ansässig (1,6 % der Stadtbevölkerung), und die Wittlicher Zünfte (insbesondere die Krämergesellschaft) führten wiederholt Konflikte mit jüdischen Händlern. Unter französischer Herrschaft zählte Wittlich 1808 mit 64 erwachsenen jüdischen Männern zu den „judenreichsten“ Mairien des Arrondissements Trier; 1809 lebten in der Stadt 1.505 Einwohner, davon rund 3,9 % Juden (Kasper-Holtkotte, Juden im Aufbruch, S. 184 Anm. 54, 234).

Die Synagoge von 1910

Mittelpunkt des jüdischen Lebens war die 1910 eingeweihte Synagoge. Sie war nach den Plänen einer historistischen Architektursprache entstanden und gehörte zu den repräsentativsten Sakralbauten der jüdischen Mosel.

Der Pogrom vom 10. November 1938

Am 10. November 1938 wurde der Innenraum der Synagoge durch SA- und NSDAP-Mitglieder schwer beschädigt; etliche jüdische Wohnungen und die jüdische Schule wurden ebenfalls verwüstet. Die SA-Truppen zogen vandalierend durch die Stadt; Rädelsführer war NSDAP-Kreisleiter Walter Kölle. Nach dem Krieg kam es zu Strafprozessen gegen einzelne Pogromtäter; ein Arbeitskreis hat die Verfahren dokumentiert.

Der jüdische Friedhof

Der jüdische Friedhof von Wittlich liegt außerhalb des Stadtkerns am Stäreberg. Er reicht bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts zurück; die ältesten Grabsteine stammen von 1671/72. Mit über 700 Steinen aus rund drei Jahrhunderten zählt er zu den größten und besterhaltenen jüdischen Friedhöfen in Rheinland-Pfalz.

Wiederbelebung der Erinnerung

Das Gebäude der ehemaligen Synagoge wurde ab 1976 restauriert und zu einer Kultur- und Tagungsstätte umgebaut. Ein Arbeitskreis Wittlicher Bürgerinnen und Bürger bereitete eine Ausstellung vor, die zur Grundlage einer Dauerausstellung „Jüdisches Leben in Wittlich“ wurde — heute in einem Nachbarhaus der ehemaligen Synagoge zu sehen, 2022 vollständig neu gestaltet.

Das Emil-Frank-Institut

1997 wurde an der Universität Trier und der Theologischen Fakultät Trier in Kooperation mit der Stadt Wittlich das Emil-Frank-Institut gegründet, benannt nach einem langjährigen Vorsteher der Wittlicher Gemeinde. Das Institut versteht sich als Begegnungsort von Juden und Nichtjuden in Forschung, Lehre und Bildung. Es betreibt eine wissenschaftliche Bibliothek und Mediensammlung in Kooperation mit der Stadtbibliothek Wittlich (über 11.000 Medieneinheiten) und veranstaltet Tagungen, Seminare, Sprachkurse, Lesungen und Exkursionen. Ein Forschungsschwerpunkt ist die Dokumentation jüdischer Gemeinden in den Räumen Mosel, Eifel und Hunsrück.

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